Narzissmus: Überlegungen und Einblicke

Die nachfolgenden Überlegungen und persönliche Einsichten befassen sich mit den Themen narzisstische Beziehungen, narzisstische Mentalität und Beziehungsdynamiken im Allgemeinen. Die Inhalte basieren nicht auf externen Quellen oder Forschungen, außer, wo dies explizit angegeben ist. Ziel dieses Artikels ist es, das Verständnis von Narzissmus zu fördern und eine Diskussion anzuregen.

Der Tanz

Der „Tanz“ bezeichnet ein Beziehungsmuster, in dem viele Betroffene von Narzissmus oft ihr ganzes Leben lang gefangen bleiben. Einem „Kind des Narzissmus“, das mit einem narzisstischen Vater und/oder einer narzisstischen Mutter aufwächst, wird in der Eltern-Kind-Beziehung nur ein begrenzter psychologischer Raum gewährt, in dem es seine eigene Macht erfahren, erleben und ausdrücken kann. Aus diesem Grund kapselt sich der oder die Betroffene oft von der Wirklichkeit ab und zieht sich in eine Welt der Fantasie zurück, um sich nicht mit der Verzweiflung auseinandersetzen zu müssen, die die permanenten Einschränkungen in der Wirklichkeit mit sich bringen. 

Infolgedessen sehen Betroffene die Welt regelmäßig durch eine rosarote Brille. Anstatt Erfahrungen direkt und in ihrer Fülle zu erleben, werden diese soweit zu mentalen Konstrukten abstrahiert, dass sie weniger „scharf“ und „rau“ sondern stattdessen „geglättet“ empfunden werden, also mit geringeren emotionalen und mentalen Ausschlägen, sowohl ins Positive wie auch ins Negative. Indem Betroffene ihre Detailwahrnehmung, also das Zulassen von Schattierungen und Graubereichen, reduzieren und die Wahrnehmung von Personen und Situationen idealisieren (als entweder „absolut gut“ oder „absolut schlecht/böse“), schirmen sie sich von der schmerzhaften Wahrnehmung der als hart und düster empfundenen Realität ab.

Narzissten sind geschickt darin, diesen tranceartigen Zustand in anderen zu erkennen und ihn auszunutzen. Wenn der Narzisst einer potenziellen Zielperson begegnet, nutzt er Fragen, um herauszufinden, wie genau die spezifische Fantasiewelt der Zielperson beschaffen ist, also was sie „vergöttert“ und als „absolut gut“ wahrnimmt. Dieses Wissen kann der Narzisst anschließend nutzen, um gezielt auf diese einzigartige Fantasie einzugehen. Darin besteht seine Eintrittsstrategie. 

Die Fantasiewelt der Zielperson ist meistens von der rationalen Kontrolle ihres Bewusstseins abgespalten. Da der „Warnmechanismus“ des Bewusstseins bei Betroffenen von Narzissmus weniger ausgeprägt ist oder unterdrückt wird, ist es dem Narzissten möglich, durch das Drücken der richtigen „Knöpfe“ die Muster und Prägungen der Zielperson so zu manipulieren, dass diese ein Eigenleben entwickeln.

Ein praktisches Beispiel aus dem Berufsleben ist ein Szenario, in dem ein narzisstischer Chef einem Mitarbeiter, bei dem er ein geringes Selbstwertgefühl aber hohe Karriereambitionen bemerkt, eine Beförderung verspricht, wenn dieser dafür härter arbeitet und sich den Wünschen seines Vorgesetzten fügt. Allerdings stellt der narzisstische Chef dabei immer neue Forderungen oder erfindet Erklärungen, warum er die Beförderung noch nicht gewähren kann. Es stellt sich ein Zustand ein, in dem der Angestellte sich verausgabt und immer wieder bis zur Erschöpfung arbeitet und dabei trotzdem immer wieder von seinem Chef mit neuen Aufgaben überhäuft wird. Handelt es sich um Narzissmus in einer Partnerschaft, bemüht sich der Narzisst meistens zu Anfang, alle Wünsche seiner Zielperson zu erfüllen und der „ideale Partner“ zu sein – bis er seine Maske ablegt.

Egal ob im Fall von Narzissmus auf der Arbeit oder Narzissmus in Beziehungen: Ein Kind des Narzissmus neigt dazu, auch in späteren Lebensphasen immer wieder auf Narzissten hereinzufallen. Der Grund besteht darin, dass nur Narzissten in der Lage sind, die Betroffenen mit der „richtigen“ Illusion zu versorgen, nach der sie sich aufgrund ihrer frühkindlichen Prägungen sehnen. 

Die Zielperson hat einen großen Teil ihres Lebens in eine Fantasiewelt verlegt, in der sie endlich „mächtig“ sein darf, also jederzeit alles so gestalten und bestimmen kann, wie es ihr gefällt. Dies führt regelmäßig dazu, dass Betroffene von Narzissmus ihre Fähigkeit überschätzen, Menschen, Zustände und Umgebungen auch in der Wirklichkeit beeinflussen zu können. 

Dies zeigt sich besonders oft in dem Glauben, einen Narzissten ändern zu können. Auch wenn die Zielperson auf einer gewissen Ebene vielleicht Verhaltensweisen am Narzissten bemerkt, die ihr nicht gefallen, glaubt sie oftmals gegen alle Vernunft und Erfahrung, dass sie, wenn sie sich nur „richtig“ verhält, schon einen Weg finden wird, um ihre eigenen Bedürfnisse in einer Beziehung zu befriedigen, auch wenn sie diese Beziehung mit einer offensichtlich emotional unerreichbaren Person führt. Der Narzisst nährt diese Illusion und redet der Zielperson ein, die Beziehung wäre bereits ideal (oder könnte es zeitnah werden). Zugleich weigert sich der Narzisst, sich mit seiner eigenen Scham oder seinen Gefühlen auseinanderzusetzen.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Scham ist jedoch zentral für unsere menschliche Erfahrung in der Welt. Sich unserer Scham zu stellen, bedeutet, sich der Welt zu stellen, von ihr geformt zu werden, auch wenn es manchmal unangenehm ist, und in ihr wirklich zu leben. Ein Kind des Narzissmus hat oft nie die Erlaubnis oder gar die Bestärkung bekommen, um dieses Wagnis einzugehen. Stattdessen wird es durch Zwang und falsche Lockungen dazu gebracht, sich in eine Existenz zu fügen, die auf einer starren, von anderen vorgegebenen Struktur und auf Unterdrückung beruht. Die Kontrolle haben dabei stets andere inne, aber nie der oder die Betroffene selbst.

Teilen (Sharing) vs. Abladen (Dumping)

Die meisten Menschen geben ihre unterdrückten Emotionen unwissentlich in Gesprächen preis. Die Intensität hängt dabei von der persönlichen Prägung ab. Je mehr wir uns jemandem verbunden fühlen, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir anfangen, den Gesprächspartner in unsere eigene erlebte Welt „hineinzuziehen“ und unsere Gefühle mit diesem zu teilen, und zwar mit zunehmendem Nachdruck und teilweise bis zum „Aufzwingen“ unserer Gefühle auf jemand anderen.

Empathen sind davon am meisten betroffen. Wenn eine Person, die sich ihrer Emotionen meistens nicht bewusst ist, mit einem Empathen spricht und eine Verbindung zwischen beiden entsteht (wie es bei Empathen leicht möglich ist, da diese meist besonders einfühlsam und empfänglich für die Emotionen anderer sind), sieht diese Person oft eine Möglichkeit, ihre ansonsten unterdrückten oder unverarbeiteten Emotionen aus sich „herauszuholen“ und sie auf dem Empathen „abzuladen“. Je nach Skrupel oder Selbstreflexion nutzen verschiedene Personen diese Möglichkeit unterschiedlich stark.

Was eine solche Situation zu einem „Abladen“ (Dumping) statt zu einem Teilen (Sharing) macht ist der Umstand, dass der „Abladende“ keine Verantwortung für das Erleben und Durcharbeiten seiner eigenen Gefühle übernimmt. Vielmehr nutzt er dabei die Empfänglichkeit seines Gegenübers (der Empathen oder der Zielperson), entweder aus einem Impuls heraus und ohne Bewusstsein für das, was dabei eigentlich vor sich geht, oder absichtlich und mit dem Ziel der Manipulation.

Insbesondere im letzteren Fall geht es in dem Gespräch nicht wirklich um die Inhalte oder den Aufbau einer ehrlichen Verbindung. Vielmehr wird das Gespräch als eine reine Plattform benutzt, um den Zuhörer auszunutzen und zu täuschen. Der emotionale Tonfall ist hierbei die Art und Weise, wie der Sprecher Emotionen vermittelt, nicht die gewählten Worte oder die verkündete Intention. Ein solches Verhalten ist unehrlich und manipulativ, da es die wahren Motive des Sprechenden verdeckt.

Um ein solches „Dumping“ zu erkennen, achten Sie auf das Gefühl hinter den Worten und den Gesichtsausdruck der Person, die zu Ihnen spricht. Drückt Ihr Gegenüber Traurigkeit aus, auch wenn die Inhalte des Gesprächs scheinbar banal sind? Lacht Ihr Gegenüber, während es etwas zutiefst Schmerzliches preisgibt? Indem der Sprecher den Ausdruck von Emotionen im Subtext versteckt und diesen selbst emotional nicht „anrührt“, sondern ihn „ungefiltert“ und unverarbeitet an die Zielperson weitergibt, zwingt er diese, zwischen den Zeilen zu lesen und an seiner Stelle diese Emotionen zu empfinden.

Eine andere Möglichkeit, „Dumping“ zu erkennen, ist, wenn jemand in eine Schimpftirade oder einen Monolog ausbricht und Ihnen keinen Raum lässt, um seinen Standpunkt zu beeinflussen oder Reflexion anzuregen. Der Sprecher drückt in diesem Fall seine Emotionen aus, möchte aber auf keinen Fall innehalten, um zum Nachzudenken angeregt zu werden oder Vorschläge zu hören. Zusammengefasst lässt sich sagen: Teilen bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, Dumping nicht.

Jemand, der etwas teilen möchte, kommuniziert: „Ich trage etwas in mir, das ich loslassen und verarbeiten muss. Kannst du mir helfen, herauszufinden, was ich damit machen soll?“

Ein „Dumper“ kommuniziert hingegen: „Ich habe etwas, das ich loswerden muss. Hier, nimm du es.“

Teilen ist bewusst und reif; Dumping ist unbewusst und unreif.

Reflexion

In einer gesunden Beziehung spiegeln sich beide Partner gegenseitig wider (Reflexion). Wenn einer der beiden Traurigkeit ausdrückt, vermittelt der oder die andere Empathie, lässt sich auf das Gefühl ein und empfindet es ebenfalls. Wenn eine Person Glücksgefühle empfindet, teilt die andere Person dieses Glück. Um eine andere Person wirklich zu reflektieren, müssen wir ihr erlauben, auf unser Wahres Selbst einzuwirken – unser fühlendes Selbst. Durch diesen Prozess gewinnen unser eigenes Bewusstsein und unser Erleben der Welt mehr Tiefe. Unsere Beziehungen hinterlassen Prägungen in unserem Herzen und in unserem Verstand. Solche Beziehungen erlauben uns, zu reifen und zu wachsen. 

Wenn wir und unser Selbstausdruck von jemand anderem reflektiert werden, vor allem in einer zutreffenden und bestärkenden Weise, formt und stärkt dies unser Selbstbild. Ist die Reflexion, die wir durch unseren Partner erfahren, gut und positiv, können wir ein positives Selbstbild entwickeln.

Der Narzisst vermeidet jeglichen Kontakt mit seinem Wahren Selbst und kreiert stattdessen eine rein „verstandsbasierte“ Alternative, ein Falsches Selbst, dass er in jeder Interaktion als eine Art Schild und Maske trägt. Er erwartet, dass andere ihn permanent reflektieren, also seine Gefühlsausdrücke ungefiltert annehmen und sie für ihn erleben, damit er sich selbst nicht mit ihnen auseinandersetzen muss. Der Narzisst selbst reflektiert niemals seine eigenen Gefühle. Er fürchtet und vermeidet es, sein eigenes Wahres Selbst kennenzulernen und zu vertiefen. Stattdessen füttert und stärkt er sein Falsches Selbst, indem er andere negativ reflektiert, um sie zur Veränderung ihrer Selbstwahrnehmung und ihres Verhaltens zu zwingen, damit sie sich in sein Welt- und Selbstbild einfügen. 

In einer Beziehung mit einem Narzissten ist es die Zielperson, die die ganze Zeit über gezwungen wird, zu reflektieren, also den emotionalen Ballast des Narzissten zu tragen. Dies hat oft folgende Auswirkungen auf die Zielperson:

  • Sie wird darauf trainiert, immer andere zu reflektieren und deren Lasten zu tragen, und gewöhnt sich daran, niemals selbst Empathie, positive Reflexion oder „Lastenteilung“ mit anderen zu erfahren
  • Sie muss ständig viel mehr geben, als sie bekommt
  • Beziehungen mit Nicht-Narzissten werden einseitig, da die Zielperson es nicht gewohnt ist, ihre Gefühle und Bedürfnisse mitteilen zu dürfen und sich daher weiterhin instinktiv und bereitwillig alle „Lasten“ des Partners auflegt, ohne ihre eigenen zu teilen

Es ist wichtig, sich dieser Prozesse bewusst zu sein, um überhaupt jemals einen Ansatz dafür zu finden, sie zu ändern. Therapie und das Pflegen von gesunden Freundschaften können dabei helfen, Reflexion zu erfahren und ein positives Selbstbild zu entwickeln. Hierdurch lernen Sie, Reflexion auf gesunde Art von anderen zu erwarten und nicht immer nur zu geben. Hierin liegt der erste Schritt zur Entwicklung ausgewogener, bestärkender und „nährender“ Beziehungen.

Metaphern für Verachtung

Geringschätzung und Verachtung für einen Narzissten zu entwickeln, ist ein entscheidender Schritt, um sich aus seiner Manipulation zu lösen. Der Prozess kann mit folgenden Metaphern beschrieben werden:

  1. Beim Sport: Wenn wir ein Spiel „live“ verfolgen, ob nun vor dem Fernseher oder im Stadion, fühlt sich das, was auf dem Spiel steht, enorm hoch an. Wir gehen bei jedem Spielzug emotional „mit“, bekommen einen „Tunnelblick“, bei dem wir nur noch hoffen, dass unsere Seite gewinnt und verfolgen ängstlich und angespannt alles, was passiert. Wenn wir stattdessen die Aufzeichnung eines Spiels schauen, dessen Ausgang wir bereits kennen, wird unser emotionales Engagement unterbrochen. Wir sehen mit geringerem Interesse zu, unsere Gedanken schweifen ab und wir legen zwischendurch Pausen ein, um zu essen oder aufs Handy zu schauen.
  2. Beim Einkaufen: Wenn eine Art von Kleidungsstück gerade in Mode ist, bekommen wir schnell das Gefühl, es jetzt sofort haben zu müssen, und geben bereitwillig unser Geld dafür aus, da wir gefühlt keine andere Wahl haben, um ans Ziel unserer Wünsche zu kommen. Wenn das „Kleidungsstück der Saison“ durch etwas anderes ersetzt wird, beispielsweise in der nächsten Saison, verlieren wir genauso schnell wieder das Interesse. Es verliert für uns jeglichen Wert.

Ganz ähnlich ist es in einer Beziehung mit einem Narzissten. Der Narzisst versucht, Sie in einem Zustand zu halten, bei dem Sie überzeugt sind, dass er gerade „in Mode“ ist und dass für Sie „viel auf dem Spiel steht“, um ihn bloß nicht zu verlieren. Um ständig „in Mode“ zu sein, überzeugt er Sie von seiner Großartigkeit und seinem angeblich hohen Status. Um darüber hinaus „den Einsatz zu erhöhen“, drückte er Ihre emotionalen Knöpfe und setzt Ihre Ängste gegen Sie ein.

Verachtung gegenüber einem Narzissten entwickeln Sie, indem Sie erkennen, dass das Spiel, dass der Narzisst für Sie aufzieht, rein objektiv weder existiert noch Bedeutung hat, sondern nur von ihm aufrechterhalten wird, um Sie zu manipulieren. Auch, dass er angeblich „in Mode“ ist, ist nur eine von ihm künstlich aufrecht erhaltene Illusion. Sobald wir diese beiden Dinge klar erkennen, lassen sowohl unser Engagement, unser „Mitspielen“ nach seinen Regeln, als auch unsere Anfälligkeit für seine Manipulation stark nach. Alles, was der Narzisst sagt, fühlt sich wie eine langweilige Wiederholung von Spielchen an, die wird schon tausend Mal gesehen haben. Alles, was der Narzisst zuvor für uns repräsentierte, verliert seinen Glanz. Wir sehen nur noch einen fehlbehafteten Menschen vor uns.

Das Spiel mit dem Status/Fischen nach Schwächen

Der Narzisst „fischt“ in jeder Interaktion mit anderen nach Anzeichen von Schwächen, die er für sich nutzen kann. Dies können so einfache Dinge sein wie ein Eingeständnis einer Fehlentscheidung, ein Stottern, ein „zu spätes“ Aufwachen nach der Maßgabe des Narzissten etc.

Hierdurch konditioniert der Narzisst seine Zielperson dazu, ständig über eigene Schwächen nachzudenken und angebliche Fehler „zuzugeben“. Wenn sich die Zielperson einmal grandios fühlt, zieht sie der Narzisst so schnell wie möglich wieder „runter“. Wenn die Zielperson eine Schwäche oder einen Misserfolg einräumt, freut sich der Narzisst und unterstützt das Verhalten.

Das Scham/Grandiositäts-Kontinuum ist ein Paradigma, eine Art psychologische Brille, die unsere Sicht auf die Welt beeinflusst. Wenn wir jemandem begegnen, legt dieser möglicherweise eine Reihe von Verhaltensweisen an den Tag, um den Eindruck zu erwecken, einen hohen Status innezuhaben. Hierzu gehören Körperhaltung, emotionale Selbstkontrolle/Zurückhaltung und der Umgang mit uns. Vielleicht flüstert uns auch jemand anders zu, dass die Person vor uns beliebt, berühmt oder besonders talentiert ist.

Infolgedessen lassen wir uns leicht darauf ein, die andere Person als „besser“ oder höherrangig als uns selbst anzusehen. Dies wird allgemein als „Halo-Effekt“ bezeichnet. Wenn sich hingegen jemand im Umgang mit uns unsicher verhält, wenn er beispielsweise schlecht über sich selbst spricht oder es ihm eindeutig an Selbstvertrauen mangelt, fangen wir möglicherweise an, uns selbst als „besser“ zu betrachten als unser Gegenüber. Hierbei handelt es sich um eine Standardfunktion unseres Ego, die unserem Verstand dabei hilft, die soziale Hierarchie um uns herum zu definieren und zu ordnen, um Personen mit „hohem Status“ zu identifizieren, unser Verhalten entsprechend anzupassen und dadurch unser Wohlergehen oder, im ursprünglichen evolutionären Sinne, unser Überleben zu sichern.

In der Weltsicht eines Narzissten nimmt dieser Vergleichsmaßstab mit anderen eine zentrale Rolle ein. Ein Narzisst kategorisiert jede Person, die ihm begegnet, anhand von zwei Kriterien:

1. Hat das Gegenüber einen niedrigeren oder einen höheren Status inne als er selbst?

2. Hat das Gegenüber etwas anzubieten, das er begehrt?

Die Reaktion auf und der Umgang mit dem anderen hängt anschließend ganz davon ab, wie der Narzisst die Person auf der Grundlage einer Kombination der oben genannten Kriterien wahrnimmt:

  • Niedrigerer Status/bietet etwas: Dies ist das Idealszenario für einen Narzissten. Der Narzisst versucht, diese Person so niedrig wie möglich auf der Skala des Scham/Grandiositäts-Kontinuums zu halten, während er gleichzeitig narzisstische Versorgung für sein Ego von ihr bezieht. Wenn eine Person mit niedrigerem Status die Versorgung durch Abkoppeln/Rückzug unterbricht, wird der Narzisst Wut, Charme, eine Mauer des Schweigens, Schuld oder Scham benutzen, um das Ziel wieder zu sich „zurückzuziehen“.
  • Niedrigerer Status/bietet nichts Interessantes: In diesem Szenario braucht der Narzisst keinen Gedanken zu verschwenden. Er wird diese Person sofort zurückweisen oder „ablegen“. Eine Person mit einem vermeintlich niedrigeren Status kann sich aus der Sicht eines Narzissten auch abwechselnd zwischen den Kategorien „nützlich“ und „nicht mehr nützlich“ bewegen, besonders wenn es sich um einen Bekannten handelt, obwohl auch Beziehungspartner nicht davor gefeit sind, von ihm „weggeworfen“ zu werden, nur um dann, sobald sie ihm wieder „nützlich“ erscheinen, wieder umgarnt zu werden.
  • Höherer Status/bietet etwas: Dies kann für den Narzissten nützlich sein. Möglicherweise versucht er, diese Person von ihrem höheren Status „herabzuziehen“, indem er sie zwingt, Scham zu empfinden. Merkt er dabei, dass die Person seine Tricks durchschaut und nicht auf diese Weise manipuliert werden kann, verlegt sich der Narzisst für gewöhnlich darauf, der Person „entgegenzukommen“. Er versucht dann sie durch Charme und Schmeichelei in seinem Umfeld zu halten, in der Hoffnung, von ihr Status, eine bessere Position oder gewisse Ressourcen zu erhalten. Dieses Verhalten ist häufig in Unternehmen zu beobachten, wo ein böswilliger, manipulativer, narzisstischer Chef gegenüber einer Person mit höherem Status in der Firma plötzlich ruhig und kooperativ wird, in der Hoffnung, davon persönlich zu profitieren.“
  • Höherer Status/bietet nichts: Dies ist der schlimmste mögliche Fall für den Narzissten. Der Narzisst wird diese Person aus der Ferne beneiden und verachten.

Jeder, der sich auf das Paradigma einlässt, ständig seinen sozialen Status mit anderen zu vergleichen, ist anfällig für die Dynamiken des Narzissmus, sowohl als Ziel und Opfer als auch als jemand, der selbst versucht, andere zu manipulieren, um sich besser zu fühlen oder Dinge von anderen zu bekommen. Fast schon komisch ist, dass selbst Narzissten Opfer von anderen Narzissten werden können. Die Vergleichsskala von „besser als/schlechter als“ ist eine Falle des unbewussten Egos, in die wir alle tappen können. Der Unterschied liegt darin, dass Narzissten versuchen werden, die Dynamik zu ihrem Vorteil zu nutzen, während ein normaler Mensch über gesunde Gefühle von Scham, Schuld und Moral verfügt, um allzu unethisches Verhalten im Schach zu halten.

Indem wir jemanden als höherrangig betrachten und glauben, dass er uns etwas anbieten kann, werden wir von ihm angezogen und werden anfällig und empfänglich für seine Launen. Wenn wir jemandem begegnen, den wir als niederranging wahrnehmen, spielen wir vielleicht selbst unbewusst aus, was wir im Verhalten anderer Narzissten gesehen haben. Wir lassen uns dazu hinreißen, unsere gesunde Scham zu ignorieren, die Person niederzumachen oder versuchen, sie zu kontrollieren, nur um einen Ego-Schub zu bekommen.

Andere ständig in die Kategorien „höherer Status“ oder „niedrigerer Status“ einzuordnen, ist ein Rezept für eine Katastrophe. Wir können unsere Egofunktionen nicht völlig abschalten, aber wir können unser Handeln kontrollieren. Es ist wichtig, dass wir niemals unser Selbstwertgefühl und unsere Würde vernachlässigen oder opfern, um einer vermeintlich höherrangigen Person zu gefallen. Ebenso ist es wichtig, dass wir andere, die wir als weiter unten auf der Skala empfinden, nicht herabwürdigen und beschämen. In jeder guten Beziehung liegt der Schlüssel in gesunder, geteilter Scham. Wir übernehmen Verantwortung für unsere Wirkung auf andere, finden mit diesen gemeinsame Berührungspunkte, um auf einer ausbalancierten Stelle des Scham-/Grandiositäts-Kontinuums zu verweilen und bemühen uns, eine tiefe Verbindung zueinander auf der Grundlage gemeinsamer Erfahrungen aufzubauen, anstatt uns auf Trennendes und auf Unterschiede zu fokussieren.

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