Liebe Ameisen,
Eure Gefühle sind hier nicht erwünscht. Eure Moral auch nicht. Eure Regeln, Bräuche und Normen gelten für mich nicht.
Ich mache nicht mit in eurer Gesellschaft oder euren Ritualen. Gruppendenken und Herdenmentalität haben keinen Einfluss auf mich. Das sind nur Werkzeuge, die ich benutzen kann.
Ich bin eine andere Spezies als ihr. Ihr und ich leben auf demselben Planeten, aber ich existiere in einer anderen Welt. Genauer gesagt, ich lebe über euch in einer anderen Sphäre. Ich fühle nicht, was ihr fühlt. Eure Emotionen können mir nichts anhaben, und ich bin in meinem Potenzial, Chaos und Leid zu verursachen, ungehindert. Scham, Schuld, Leid, Trauer – das ist alles für euch. Nicht für mich.
Ich interessiere mich nicht für eure Probleme und Sorgen. Sagt mir nicht, ich solle „ein Herz haben“. Sagt mir nicht, ich solle mich in eure Lage versetzen. Appelliert nicht an meine Menschlichkeit. Das ist, als würde man einen Löwen bitten, die Not einer Antilope zu bedenken.
Ihr kämpft Tag für Tag, ertrinkt in einem wilden Meer aus Emotionen, Schulden, Mitgefühl, vergangenen Sünden, Fehlern und Versagen. Der ständige Druck zeigt sich in euren verwitterten Gesichtern, in euren müden Augen. Mein Gesicht bleibt unbelastet, meine Augen sind scharf wie die eines Wolfes. Die Gesellschaft ist euer Schlachtfeld, euer Dschungel, aber sie ist mein Spielplatz. Mein Schachbrett. Und ich spiele mit absoluter Gerissenheit, Konzentration und Ausdauer.
Ihr bleibt an eure Verpflichtungen gegenüber der Menschheit gekettet. Mich interessiert nur eines – die Anhäufung von Macht. Wenn alle Probleme und Herausforderungen des Lebens verblassen, bleibt nur noch eines übrig: Macht.
Und ich will alles.
Ihr habt Hoffnungen und Träume, ich habe Ziele. Eure Erfolge erfordern immense Opfer und kosten euch eure Seele. Meine Erfolge werden von anderen wie euch bezahlt.
Freude, Gemeinschaft, Natur, Geist – das bedeutet mir einen Dreck. Mein Verstand ist das A und O. Er ist es, der mich an die Spitze bringt. Ihr betet zu Gott um Hilfe, ich mache mich an die Arbeit und sorge dafür, dass Dinge geschehen. Gott ist etwas, zu dem ihr aufschaut. Für mich ist Gott eine Rolle, die ich spiele, damit andere zu mir aufschauen.
Ich weiß, dass das für euch erschreckend ist. Ihr seht mich nicht, weil ihr nie nach oben schaut. Ihr könnt euch nicht einmal vorstellen, wer ich bin. Ihr habt keine Möglichkeit zu sehen, was ich sehe. Es ist einfacher, wenn ihr so tut, als gäbe es Menschen wie mich nicht.
Glaubt also weiter, dass für alle die gleichen Regeln gelten wie für euch. Eure mangelnde Vorstellungskraft ermöglicht es mir, das zu tun, was ich tue.
Ich komme immer als Sieger hervor und bekomme immer, was ich will. Auf die eine oder andere Weise, koste es, was es wolle.
„Herzliche” Grüße,
Der Psychopath