Der Empath, der Narzisst und der Weg zur Freiheit

Manche Menschen scheinen Narzissten immer wieder anzuziehen. Sie tun es nicht mit Absicht: es passiert einfach. Sie scheinen auf natürliche Art mit Narzissten zu „klicken“. Möglicherweise rekreieren sie damit unbewusst eine Familiendynamik aus ihrer Kindheit, beispielsweise das Heranwachsen unter einem narzisstischen Elternteil. Jedoch ist noch ein anderer Grund möglich: Es kann sein, dass der Betroffene ein Empath ist.

Der Empath: Ein sensibler Schöpfer

Folgende Eigenschaften zeichnen Empathen aus:

  • Sie fühlen mehr als andere und verfallen schneller auf eine gefühlsmäßige Ebene.
  • Sie sind kreativ und haben unkonventionelle Einfälle.
  • Sie erleben ihre Emotionen mit hoher Intensität. Hierdurch fühlen sie sich schnell müde oder ausgebrannt und müssen sich zurückziehen, um sich zu erholen.
  • Sie sind sehr empfindsam für die Emotionen anderer. Hierdurch fällt es ihnen leicht, sich auf andere einzustellen. Sie sind jedoch auch anfällig dafür, sich die Emotionen anderer aufzuladen. Dies kostet viel Energie und kann sie erschöpfen, wenn sie nicht aufpassen.
  • Sie sind gute Zuhörer und opfern bereitwillig ihre Zeit, um anderen Aufmerksamkeit zu schenken.
  • Sie spüren oft ein enormes Verlangen danach, mit anderen emotional in Verbindung zu treten. Dieser Drang kann ihre Vernunft ausschalten und ihren gesunden Menschenverstand trüben.
  • Sie haben oft mehr Schwierigkeiten als andere, mit ihrem Alltag zurechtzukommen. Dies kann dazu führen, dass sie sich jemand anderen suchen, der ihnen hilft. Hierbei laufen sie Gefahr, sich dem anderen unterzuordnen und ihn als eine „höhere Macht“ anzusehen.
  • Sie sind leichter manipulierbar als weniger empathische Menschen.

Die Gefühlswelt von Empathen ist bunt, reich und lebendig. Sie sind oft Künstler, Träumer und bereichern andere mit ihrer Liebe und Bindungsbereitschaft. Der Preis für ihre Offenheit besteht darin, dass sie anderen gegenüber nur schwer Grenzen setzen können. Ihr Bedürfnis nach Verbindung überwiegt oft ihren Sinn für Selbstschutz. Sie blühen auf, wenn sie eine Verbindung mit einem anderen Menschen spüren, aber leiden, wenn sie sich isoliert fühlen. Hierdurch fällt es anderen leicht, ihre „emotionale Klaviatur“ zu bedienen und sie gefühlsmäßig zu manipulieren.

Das Gute, das Schlechte und das Schöne

Wegen ihrer Offenheit ist es für Empathen besonders wichtig, sich in einem Umfeld zu verwurzeln, das ihrer besonderen Veranlagung gerecht wird. Sie benötigen vor allem eine Möglichkeit, limbische Resonanz mit anderen aufzubauen, also eine tiefe emotionale Verbindung mit jemandem einzugehen, der sich voll auf sie einlässt und ihre Offenheit erwidert. Darüber hinaus benötigt ein Empath einen Raum, indem er sein Wahres Selbst frei entfalten kann. Oft treibt ihn ein Bedürfnis an, die Schönheiten des Lebens zu erfahren und mit anderen auf einer Wellenlänge zu schwingen.

Emotional agiert ein Empath auf einer viel höheren Frequenz als andere. Dies kann in seinem Umfeld zu Missverständnissen führen, bis hin zur Erfahrung, nicht verstanden und zurückgewiesen zu werden. Aufgrund seiner empfindlichen Gefühlswelt reagiert ein Empath oft hochempfindlich auf „Störungen“ in einer Beziehung. Dies ist besonders dann fatal, wenn er als Kind in einem konservativen, rigiden oder gar missbräuchlichen Familienumfeld aufwächst. Dort wird sein Bedürfnis, kreativ zu sein, sich auszudrücken und verstanden zu werden, entweder vernachlässigt, oder, schlimmer noch, unterdrückt und lächerlich gemacht. Ihm wird „zu große Weichheit“ vorgeworfen und ihm wird eingeredet, dass er sich für seine Sensibilität schämen muss.

Beim Empathen kann dies zu einem ernsthaft verminderten Selbstwertgefühl führen, verbunden mit dem überwältigenden Verlangen nach der Liebe und Bestätigung anderer. Diese Gefühle werden meist auf eine unbewusste Ebene verdrängt, sodass der Empath nicht einmal bemerkt, was vor sich geht.

Der Wolf und das Schaf: Wie ein Empath narzisstischen Missbrauch erlebt

Um sein Leben in ein emotionales Gleichgewicht zu bringen, braucht ein Empath die Resonanz eines anderen, der sich für ihn öffnet und sich auf ihn einlässt. Leider gibt es eine Art von Menschen, die dieses Bedürfnis erspürt wie ein hungriger Hai eine Blutspur im Wasser. Nicht ohne Grund suchen sich Narzissten bevorzugt Empathen als Zielpersonen aus. Für den Narzissten sind die schwachen Grenzen, mit denen ein Empath seinen persönlichen Bereich schützt, verbunden mit dessen innerem Gefühlsreichtum ein gefundenes Fressen.

Narzissten sind Experten darin, die emotionale Klaviatur ihrer Zielperson zu bespielen und ihr bestimmte Reaktionen zu entlocken. Sie wissen genau, wie sie ihren Charme einsetzen müssen, um berauschend und unwiderstehlich zu wirken. Bei Nicht-Empathen stoßen sie damit schnell an Grenzen, da diese sich für gewöhnlich nicht „Hals über Kopf“ auf einen Fremden einlassen. Empathen jedoch sind stets auf der Suche nach Offenheit und emotionaler Verbindung. Indem der Narzisst sich voll und ganz auf seine Zielperson einstellt und all ihre Verhaltensweisen widerspiegelt, kann es ihm gelingen, einen Empathen innerhalb kürzester Zeit komplett zu überwältigen und ihn für sich einzunehmen.

Für den Empathen kann sich dies so anfühlen, als hätte er im Lotto gewonnen. Er verliebt sich in den Narzissten und meint, er hätte endlich jemanden gefunden, der seine Emotionalität versteht und mit ihr umgehen kann. Er fühlt sich vom Narzissten unwiderstehlich angezogen, so sehr, dass er sein Urteilsvermögen, seinen Willen und seinen praktischen Verstand ignoriert oder ihre Signale nicht mehr wahrnimmt. Wenn ein Empath und ein Narzisst zusammenkommen, wird ein perfekter Sturm entfesselt. 

Ein weiteres anziehendes Element des Narzissten resultiert aus dem tiefen Bedürfnis des Empathen nach Struktur und Sicherheit. Empathen sind oft unsicherer als andere Menschen. Schon eine kleine Beeinträchtigung ihres äußeren Rahmens kann ihnen Furcht einflößen und sie in einen Alarmzustand versetzen. Tritt nun ein Narzisst ins Leben eines Empathen und verspricht ihm eine Richtung und festen Halt, wirft der Empath nicht selten jede Vorsicht über Bord und ordnet sich bereitwillig dem System des Narzissten unter.

Besonders perfide wirkt sich hierbei aus, dass ein Empath ein überhöhtes Bedürfnis nach externen Strukturen hat. Dies führt dazu, dass er in Beziehungen mit Nicht-Narzissten oft enttäuscht wird, wenn diese ihm zwar ein gewisses Maß an Struktur geben, sich jedoch weigern, den Empathen übermäßig zu kontrollieren und für ihn sein Leben zu leben. Ein Narzisst hingegen hat keine derartigen moralischen Bedenken. Er genießt es, seine Zielperson in ein Korsett zu zwingen und alles zu kontrollieren, was sie tut. Paradoxerweise finden Empathen daher bei Nicht-Narzissten oft nicht, was sie suchen und empfinden den Kontrollwahn des Narzissten als etwas Positives. Nach einer Weile merkt jedoch auch der Empath, dass etwas nicht stimmt. Sobald ihm bewusstwird, dass das vermeintlich sichere Gerüst des Narzissten in Wirklichkeit seiner Unterdrückung und Manipulation dient, ist es oft schon zu spät.

Lass dich fallen, Empath: Der Weg zur Befreiung von Narzissten

Wenn wir die genannten Dynamiken genauer betrachten, wird uns klar, warum viele Empathen immer wieder die gleiche schlechte Entscheidung treffen, sich auf Narzissten einzulassen. Das Gute ist jedoch, dass diese Gefangenschaft in ungesunden Verhaltensweisen nicht das Ende der Geschichte sein muss. Es gibt einen Weg zur Befreiung. Hierfür muss der Empath nicht vor dem Narzissten davonlaufen, sondern sich fallen lassen. Dies erfordert, dass er sich etwas traut. Er muss es wagen, die Struktur, die ihn einsperrt und unterdrückt, loslassen, ohne zu wissen, wo er sich als nächstes festklammern kann. Genauer gesagt: Er muss zulassen, dass er sich eine Zeit lang überhaupt nirgendwo festhalten kann. Zuerst ruft dieser Entschluss möglicherweise Angst und Panik hervor. Jedoch wird er, wenn er sich diesen „Schritt in den Abgrund“ traut, feststellen, dass dort nicht das Verderben lauert, sondern eine spirituelle Reise.

Ein Mensch, der sich aus starren Strukturen löst, findet sich plötzlich mit etwas wieder, das, je nach Auslegung, ein Segen oder ein Fluch ist: mit einer Wahl. Für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, ist beängstigend, führt jedoch zu einer Ermächtigung, die ein Mensch in Gefangenschaft niemals erfahren wird. Ein Empath, der das Geschenk der persönlichen Macht annimmt, die in ihm liegt, muss sein Leben nicht mehr in einer rigiden Struktur abwickeln, sondern kann Lebenskunst entwickeln. Wenn er nicht mehr all seine Energie darauf richtet, die Bestätigung anderer zu bekommen, kann er sie für andere Bereiche nutzen: für Liebe, Selbstausdruck und das Erfahren von Schönheit. Er kann den Teil von sich minimieren, den er in kleinteilige analytische Aufgaben steckt und sich dem großen Ganzen zuwenden. Er kann die Kraft in sich entdecken, vom gesellschaftlichen Stigma, ein Freidenker und Künstler zu sein, nicht mehr eingeengt zu werden, sondern es anzunehmen und auszuleben. Und er wird erfahren, dass sein Selbstausdruck und das Erfahren von Kunst einen großen Teil des Durstes stillen wird, den er bisher in der Anerkennung anderer gesucht hat. Möglicherweise wird er dabei entdecken, dass er nicht einmal besonders lange suchen muss, um herauszufinden, welche Art von Betätigung zu ihm passt. Oft findet er sie in Interessen oder Tätigkeiten, die er seit seiner Kindheit unterdrückt. Nach seiner Befreiung kann er sich endlich selbst die Erlaubnis erteilen, seine Sehnsüchte ernst zu nehmen.

Der nächste Schritt für den Empathen besteht darin, sich mit verlässlichen, liebevollen Menschen zu umgeben, die ihm echte Resonanz geben, die über ein genauso tiefes Gefühlsleben verfügen wie er und die sich in alles einfühlen können, was der Empath empfindet. Starre Strukturen können diese echte Gegenseitigkeit niemals bieten. Sie erfordert einen offenen, miteinander geteilten Raum, in dem sich jeder der Beteiligten entfalten, ausdrücken und akzeptiert fühlen kann. Ein solches Umfeld ist weder aufdringlich noch manipulativ. In ihm werden Grenzen respektiert, eine hohe emotionale Frequenz zugelassen und auch gelegentliche Rückzüge ins Alleinsein akzeptiert, damit jeder der Beteiligten sich in seinem eigenen Tempo von emotionaler Erschöpfung erholen kann.

Feste, aber geräumige Strukturen

Indem er sich aus den Strukturen löst, die ihn unterdrücken, steht der Empath vor der Herausforderung, sich eigene Rahmenbedingungen für sein Leben zu schaffen. Möglicherweise baut er durch erste positive Veränderungen das Selbstvertrauen auf, auch größere Bereiche zu hinterfragen. Dies kann beispielsweise ein Wechsel des Berufsfeld sein. Vielleicht stellt er auch fest, dass er einige Menschen nicht mehr in seinem Leben haben möchte, die ihm eher schaden und ihn zurückhalten als wirklich für ihn da zu sein. Wenn er spürt, dass etwas für ihn passt (oder nicht mehr passt), sollte er nicht davor zurückscheuen, unkonventionell vorzugehen. Er sollte lernen, die emotionale Vielfalt und Beweglichkeit in seinem Inneren ernst zu nehmen und gleichzeitig die Erfordernisse seines praktischen Lebens zu managen. Am hilfreichsten ist es hierfür, sich ein Netzwerk aus Unterstützern zu suchen, die die selbst geschaffene Struktur des Empathen akzeptieren und unterstützen statt zu versuchen, sie ihren eigenen Vorstellungen unterzuordnen. Auch muss der Empath lernen, wachsam gegenüber den Gelüsten anderer und gegenüber Manipulationsversuchen zu sein.

Im Grunde bleiben einem Empathen im Leben zwei Möglichkeiten: Er kann die „Tür“ seines persönlichen Bereichs weit offenstehen lassen und hiermit immer wieder Narzissten einladen, sich ungebeten Zugang zu verschaffen und die inneren Reichtümer des Empathen zu plündern; oder er kann das Steuer in die Hand nehmen, sich den Herausforderungen stellen, die mit einem selbstbestimmten Leben einhergehen, und seine wahre Natur ausleben. Nur so kann er die Tatsache annehmen und umarmen, dass er dazu geschaffen ist, hell zu strahlen und nicht, sich zu verstecken.

Gerade für Empathen ist es entscheidend, sich gegen narzisstischen Missbrauch zu wappnen. Eine praktische Schritt-für-Schritt-Anleitung hierfür bietet der Ratgeber „Sieg über Narzissmus“ und Neuanfang nach Narzissmus.“