Welche Rolle spielt Scham als Grund für narzisstisches Verhalten? Scham ist für mich schwer zu verstehen, weil ich sie nicht oft empfinde.

Scham spielt eine zentrale Rolle bei narzisstischem Verhalten. Sich narzisstisch zu verhalten bedeutet, Schamgefühle zu vermeiden, d.h. schamlos zu sein. Der Narzisst projiziert ein makelloses Bild vom sich und weigert sich, zur Verantwortung gezogen zu werden. Hierfür erschafft er eine Nebelwand aus Drama und Irreführung. Hinter all dem steckt ein Gefühl der Scham, verschmolzen mit unausgesprochener Wut und Terror.

Das Problem mit schamlosem Verhalten liegt darin, dass es andere dazu zwingt, die Scham anstelle desjenigen zu empfinden, der das Verhalten ausübt. Die besten sozialen Interaktionen, nämlich jene, aus denen persönliches Wachstum für die Beteiligten entsteht, sind diejenigen, in denen Scham gleichmäßig verteilt wird. Sich in einer Situation gleichermaßen „begrenzt“ zu fühlen (durch gesunde Scham auf beiden Seiten), erzeugt ein Gefühl der Verbundenheit und Kameradschaft. Wenn man sich hingegen einem anderen aufgrund seines Aussehens, seines Verhaltens, seines Status oder seiner Behandlung unterlegen fühlt, schafft dies eine Kluft. Diese Kluft von „besser als“ und „weniger als“ hilft dem Narzissten, ein Gefühl von Macht und Ruhe aufrechtzuerhalten.

Scham kann sehr leicht übersehen werden. Unser Verstand täuscht uns gerne über sie hinweg. Sich dieser Emotion bewusst zu sein, ist zutiefst beunruhigend und schmerzhaft. So kommt es, dass wir Scham verspüren, ohne uns ihrer bewusst zu sein. Sie kann sich als ein Gefühl milder Depression ausdrücken, als ein brennendes Gefühl unter der Haut, als das Bedürfnis, sich für eine Weile zu verstecken, oder das Gefühl, als würde ein helles und unangenehm entblößendes Scheinwerferlicht auf uns gerichtet sein. Oft ist der einzige Hinweis, den wir haben, der Inhalt unserer Gedanken. Vielleicht bemerken wir, dass wir uns immer häufiger mit anderen vergleichen oder unsere Entscheidungen und Verhaltensweisen intensiver als sonst hinterfragen.

Ein Narzisst lenkt Sie und sich selbst von seinen eigenen Begrenzungen und Schwächen ab, indem er das Licht der Aufmerksamkeit so auf Sie richtet, dass Sie möglichst ungünstig dastehen. Der Narzisst hinterfragt Sie, beurteilt Sie, macht Sie lächerlich und so weiter. Ohne ein Bewusstsein dafür, was vor sich geht, beginnen Sie sich zu schämen. Scham ist ein sehr “nützliches” Gefühl für Manipulation und Kontrolle. Ohne es hätte der Narzisst überhaupt keine Macht über seine Zielperson.

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(GÜLTIG 20-28 MÄRZ)