Als jemand mit einem starken Selbstgefühl, wie konnte ich zulassen, dass mich ein Narzisst ausgenutzt hat?

Es kommt darauf an, was Sie in diesem Zusammenhang mit „ich“ meinen. Niemand, der bei klarem (rationalen) Verstand ist, würde sich bewusst missbrauchen lassen. Dies konnte nur geschehen, weil Sie sich dessen, was mit Ihnen geschah, nicht bewusst waren.

Der Narzisst kapert Ihre Realität auf zwei Arten:

  • Er zapft Ihr unbewusstes Verlangen und Ihre unbewusste Sehnsucht an
  • Er kreiert einen Mythos seiner eigenen Vollkommenheit und Göttlichkeit

Wenn wir Kinder sind, nehmen wir, um mit den Schrecken des Lebens zurechtzukommen, eine übertriebene Aufspaltung all unserer Wahrnehmungen in „gut“ und „böse“ vor. Diesen psychologischen Bewältigungsmechanismus bezeichnet Melanie Klein als „Spaltung“ (engl.: Splitting). Durch die Anwendung dieses Filters nehmen wir alle Menschen in unserer Umgebung an den beiden Enden eines Spektrums wahr. Sie sind entweder allwissende, göttliche, vollkommene Gestalten oder abgrundtief böse und verachtenswert. Unsere Reaktionen als Kind waren entweder völlige Liebe oder absoluter Hass.

Der „gute“ Teil dieser Spaltung hinterlässt in uns eine tiefe Sehnsucht nach einer Figur, die fürsorglich, liebevoll, aufmerksam und stark ist. Die sich um uns kümmert und sicherstellt, dass alles in Ordnung ist. Für ein Kind ist es absolut sinnvoll, sich eine solche Peron als Hüter zu wünschen. Ein Kind ist, auf sich allein gestellt, verletzlich und schutzlos, und dieses Gefühl ist für einen jungen Menschen sehr beängstigend.

Aus naheliegenden Gründen sind die ersten Menschen, auf die wir als Kind unsere Sehnsucht projizieren, unsere Eltern. Jedoch bleibt, auch wenn wir älter werden, diese Sehnsucht bestehen. Wir alle tragen sie in uns. Ihr Vorhandensein ist ganz natürlich. Der einzige Unterschied ist, dass wir sie als Erwachsene oft unbewusst anwenden. Wir projizieren unsere frühkindliche Spaltung auf unser Umfeld, ohne es zu bemerken.

Der Narzisst spielt im Grunde genommen in diese Sehnsucht hinein. Wenn wir ihm begegnen, verhält er sich oft fürsorglich, liebevoll, aufmerksam und stark. Hierdurch wird unsere Spaltung aktiviert, und wir nehmen ihn als “mehr-als-menschlich”, also als „göttlich“ wahr. Wir glauben, er könnte kein Unrecht tun. Der Narzisst vermittelt Ihnen das Gefühl, dass Sie in seinen Augen ebenfalls „gut“ sind. Hierdurch schafft er eine alternative Realität. Der von ihm kreierte „Mythos“ bringt auf kraftvolle Weise Ihre alte Spaltung hervor. Hieran wird auch sichtbar, was er beabsichtigt. „Gewöhnliche“ Menschen sind realistischer, wenn es um ihre eigenen negativen Eigenschaften und die von anderen Menschen geht. Sie wissen, dass niemand perfekt ist, und sie verhalten sich entsprechend. Nicht so der Narzisst.

Sobald er Ihre Spaltung aktiviert hat, steht Ihnen ein harter Fall bevor. Sie haben den Glauben entwickelt, dass der Narzisst nichts Falsches tun kann. In Ihren Augen ist er perfekt. Sobald der Narzisst erkennt, dass Sie Ihre Deckung gesenkt haben, ändert er sein gesamtes Verhalten Ihnen gegenüber und tut nur noch, was er will. Weil Sie als Zielperson weiterhin in der Vorstellung leben, dass der Narzisst das perfekte Idealbild ist, das sich vor langer Zeit in Ihrem Geist verfestigt hat, können Sie ihm nichts vorwerfen. Wann immer Sie das Gefühl haben, dass der Narzisst sich anders als „gut“ verhält, steuert Ihre Prägung dagegen und redet Ihnen ein: Der Narzisst kann nichts „Böses“ tun, also muss es Ihre Schuld sein. Dazu kommt die Angst tief in Ihrem Inneren: Sie wollen diesen Menschen nicht verlieren. Sie haben endlich gefunden, was Sie sich immer am meisten gewünscht haben. Der Verlust wäre zu schmerzhaft.

Unser rationaler Verstand sagt uns, dass die Perfektion nicht wahr sein kann. Aber unsere unbewusste, irrationale Seite hält und treibt uns immer wieder in die Beziehung mit dem Narzissten zurück. Realität und Rationalität werden über Bord geworfen. Was immer wir noch an bewussten, rationalen Verteidigungsmechanismen haben, wird vom Narzissten angegriffen und manipuliert, um uns in seinem Machtbereich gefangen zu halten.

Wir alle geraten in den Bann dessen, was wir als perfekt empfinden: „Stars“, Autoritätspersonen, schöne Gegenstände usw. Der Schlüssel liegt darin, sich dieser spaltenden Dynamik bewusst zu sein und reife Entscheidungen auf der Grundlage der Realität zu treffen. Filme, Medien, Aufführungen und so weiter können uns verzaubern und eine alternative Realität erschaffen, in die wir für eine Zeit lang eintauchen. Daran ist im Grunde nichts auszusetzen. Entscheidend ist, dass wir bewusst in diesen Zustand eintreten, weil wir unterhalten werden wollen. Eine Begegnung mit dem Göttlichen ist eine wunderbare Sache. Gefährlich wird es nur, wenn wir unsere Realitätswahrnehmung durch den schönen Schein kapern lassen.

Um es also zusammenzufassen: Es war nicht Ihre Schuld, dass Sie einem Narzissten ins Netz gegangen sind. Jetzt, da Sie sich dessen bewusst sind, jetzt, da Sie wissen, wie schlimm die Dinge schief gehen können, sind Sie in der Lage, sich zu wappnen und mit Reife und Stärke an zukünftige Beziehungen herangehen.

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